Themenkomplex 218: Forschungsfreiheit [S. XXXIII:2].
Themenkomplex 219: Staatsziele und Grundrechte [S. XXXIII:2].

Das EuGH-Urteil in der Rs C-528/16 hat auch auf die Forschungsförderung von GE-Projekten äußerst negative Auswirkungen.

Die rechtliche DIY-Bio-Problematik ist zum Großteil eine der ges Vorsorge iZm experimentellen DIY-Bio-Risiken. Thematisch hätte die rechtliche Aufarbeitung der DIY-Bio-Forschung die Untersuchung eröffnen müssen, allerdings macht es Sinn die Untersuchung mit der zentralen Fragestellung dann abzuschließen, wenn alle zugrundeliegenden rechtlichen Aspekte und Schutzlücken wie auch der historische wie biologische Kontext eingehend erörtert worden sind.

ErwG 21 FRL

„Die Mitgliedstaaten und die Kommission sollten sicherstellen, dass eine systematische und unabhängige Forschung in Bezug auf die potentiellen Risiken durchgeführt wird, die mit der absichtlichen Freisetzung oder dem Inverkehrbringen von GVO verbunden sind. Für diese Forschungsarbeiten sollten von den Mitgliedstaaten und der Gemeinschaft nach ihren jeweiligen Haushaltsverfahren die erforderlichen Ressourcen bereitgestellt werden, und die unabhängigen Forscher sollten Zugang zu allem relevanten Material erhalten, wobei jedoch die Rechte des geistigen Eigentums zu beachten sind.“.
§ 1 Abs 2 GTG

„Ziel dieses Bundesgesetzes ist es, die Anwendungen der Gentechnik zum Wohle des Menschen durch Festlegung eines rechtlichen Rahmens für deren Erforschung, Entwicklung und Nutzung zu fördern.“.

Die DIY-Bio-Szene wird medial noch stiefmütterlich behandelt, was der Bedeutung des neuen innovativen Forschungszweigs nicht gerecht wird. Der Fortgang der Biowissenschaften geht alle Bürgerinnen* an, nicht nur die, die sich mit der DIY-Bio befassen.

Die DIY-Bio-Szene kann nicht einmal ansatzweise mit der öffentlichen Präsenz von Akademien, Wissenschaftsinstituten und Universitäten mithalten. Die Errungenschaften der DIY-Biologen* sind weitgehend unentdeckt. Setzt man die staatlichen Aufwendungen für die »Common Science« ins Verhältnis zu den wissenschaftlichen Errungenschaften und Ergebnissen und stellt daneben das Leistungsverhältnis der DIY-Bio, so sollte diese Diskrepanz bereits aus volksökonomischer Sicht zum Nachdenken anregen. Die Minimalbudgets der DIY-Bio-Szene erfordern simpel strukturierte Experimente, die wiederum zur Ideenvielfalt und Kreativität führen. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Es ist daher anzudenken, ob es nicht Sinn machte, DIY-Biologinnen* mit kleinen Förderprogrammen so weit zu fördern, als dadurch die Sicherheit der Forschungstätigkeit abgesichert werden kann. Größere Fördersummen sollten für Forschungsprojekten in gesicherten öffentlichen Biohackerspaces vorbehalten bleiben. Wenn die DIY-Bio-Bewegung im Endeffekt auch verwertbare oder ökologisch wertvolle Ergebnisse erzielt, steht der Staat in der Pflicht, diesen neuen Forschungszweig auch zu subventionieren und den kommunikativen, multi- inter- und transdisziplinären Ausstauch zw der »Citizen science« und der »Common Science« zu fördern. Elitäre, akademische Hierarchien sind tunlichst abzubauen, Reformen einzuleiten und finanzielle Mittel zur flächendecken Einrichtung von Biohackerspaces zur Verfügung zu stellen, die zumindest durch den akademischen Mittelbau zu begleiten sind.

Die DIY-Bio-Szene muss Zugang zu staatlich und auch unional geförderten Forschungsprogrammen erhalten und auch der Zugang zu öffentlichen Bildungs- und Forschungseinrichtungen muss der Citizen-Science-Bewegung ermöglicht werden. Wenn die Gesellschaft (Staat) Kunst- und Wissenschaft fördert, so erfolgt dies auch immer im Eigeninteresse. Die Wissenschaft darf sich demnach nicht in einen elitären Elfenbeinturm zurückziehen und mit ihren Forschungsergebnissen hinterm Berg halten. Teilhabe der Öffentlichkeit und Feedback an die Gesellschaft sind Grundvoraussetzungen für das staatliche Wissenschafts- und Bildungswesen. Hier hat eine Trendumkehr einzutreten, um ein Abgleiten in eine Wissenschaftsarchitektur zu verhindern, die Menschen aus sozial schwachen Schichten den Zugang zum tertiären Bildungssektor verwehrt.

Engagierte DIY-Biologinnen* werden bei entsprechender Förderung alte Denkmuster sprengen und die multi-, inter- wie transdisziplinäre Wissenschaft kreativ inspirieren. Als Gegenleistung zur Beteiligung am staatlichen Wissenschaftsbetrieb könnte eine gut organisierte DIY-Bio-Szene den universitären Einrichtungen die Öffentlichkeitsarbeit weitgehend abnehmen. Sie könnte als bidirektionales Bindeglied und Schnittstelle zw Volk und Wissenschaft fungieren. Die Aufnahme von Ideen aus der Bevölkerung spiegeln auch deren Bedarf und deren Bedürfnisse wider. DIY-Biologen* dürfen als Quelle der Inspiration nicht unterschätzt werden, aber auch nicht der Übermut und die unreflektierte Risikobereitschaft einiger.

Die Organisation der DIY-Biologe* darf jedoch keinen Einfluss auf die autonome Denkweise der DIY-Bio-Szene nehmen, da sonst das Projekt scheitert und auf wieder null gesetzt würde, weil sich dann wieder DIY-Biologen* 2.0 separieren würden.

Durch die akademisch überwachte und ggfs auch teilgeleitete Bürgerforschung wird das F&E-Risiko auf ein vertretbares Maß minimiert. Der DIY-Bio-Bewegung eröffnen sich va auch neue Möglichkeiten, weil sie dann an auf legalem Weg an bessere DIY-Bio-Materialien und DIY-Bio-Equipment gelangen.

DIY-Bio-Praxis: Problemexposition

Welche Stakeholder sind bei Förderungen von BSN aus öffentlicher Hand zukünftiger Biotechnologien zu bedenken?

Sind DIY-Biologen* als nichtorganisierte Einzelpersonen oder auch zivil organisierte DIY-Biologen* förderungswürdig?

Was wären die notwendigen Voraussetzungen, Maßnahmen und Auflagen für eine Förderung der DIY-Bio?

Wie in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeitet und aufgezeigt worden ist, muss die DIY-Bio wahr und ernst genommen werden.

Die Schaffung eines neuen BSN-Rechts mit einem BSN-Online-Register ist aber nur der legistische Weg, der uaa der Regulierung der DIY-Bio dient. Die freiwillige Registrierung der DIY-Biologen* und die Anmeldungen von BSN-Forschungsprojekten kann nur durch politische Anreize erreicht werden, worunter allgemeine Bildungsprogramme und Fördermaßnahmen fallen. Erfüllen DIY-Biologen* die ges Auflagen, so sind sie auch als kritische und verantwortungsbewusste Mitlieder der DIY-Bio-Bewegung einzustufen.

Inwieweit sie bei künftigen staatlichen Förderprogrammen zu berücksichtigen sind, soll aber auch von den spezifischen Förderprojekten abhängen. IaR gehört zu den Anspruchsbegründungen im Förderanträgen Befähigungsnachweise. Primär sollte es aber auf die eingereichten Unterlagen ankommen und nur sekundär auf Befähigungsnachweise. DIY-Bio-Biohacker* sind eben auch Laien und Hobbyforscher. Behördl Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen und die tagtägliche Online-Dokumentation sichern etwaigen Förderungsmissbrauch ab.

Die Beteiligung von DIY-Biologen* am Wissenschaftssystem ist Fakt, nun müssen sie nur noch in die Wissenschaftsarchitekturen eingebunden werden. Der Unionsgesetzgeber* wie auch nationale EU-MS-Gesetzgeber* müssen handeln.

Neben der tatsächlichen Beteiligung der DIY-Bio-Bewegung an F&E ist argumentativ noch mit der notwendigen Beteiligung des Bürgertums am offenen Diskurs über den Umgang mit BSN zu untermauern. Ein transparenter Diskurs darf sich nicht am aktiven Zuhören erschöpfen.

Die bisherigen Konzepte und Bemühungen auf nationaler[1] wie auch auf EU-Ebene[2] sind ein Weg in die richtige Richtung, dürfen jedoch nicht bloß den Stakeholderinnen* bekannt bleiben.

Beteiligungsplattformen

„Unter RRI versteht die ‚Plattform RRI Österreich‘ einen breiten Ansatz der kritischen Reflexion und der Weiterentwicklung von Forschung und Innovation sowie der Öffnung von Forschung in Richtung Gesellschaft und ihren Bedürfnissen. Das bedeutet im Einzelnen:

BürgerInnen in den Forschungs- und Innovationsprozess, die Auswahl seiner Themen und die Anwendung seiner Ergebnisse einzubeziehen (public engagement).

Dazu beizutragen, allen Gruppen der Öffentlichkeit Zugang zu wissenschaftlichem Verständnis zu schaffen (science education and literacy).

Der Öffentlichkeit die Ergebnisse von Forschung und Innovation breitestmöglich zur Verfügung zu stellen (open access).

Geschlechtergerechtigkeit in Strukturen und thematischen Feldern von Forschung und Innovation anzustreben (gender).

Ethische Überlegungen in der Auswahl der Themen und der Durchführung von Forschung und Innovation zu berücksichtigen (ethics).

In der Wissenschaft und Forschung, sowie in ihrer Regelung und Förderung, Strukturen zu schaffen, die eine verantwortungsbewusste Forschung fördern und unterstützen (governance).“[3]

„SYNENERGENE aims

to make existing practices of RRI in synthetic biology socially more robust,

to mobilise new stakeholders to participate in discourse on synthetic biology,

to involve the general public and specific “publics” and improve the quality of public participation by a wide variety of means,

to analyse and to make available the results of all public dialogue and stakeholder-oriented activities to policy makers, other stakeholders and the public,

to promote mutual learning processes between a wide variety of established and new stakeholders in discourse on synthetic biology, stimulating reflection and activities on novel and innovative avenues to an inclusive governance framework in accordance with a European concept of RRI and of high international visibility, and

to help developing sustainable agendas for RRI in synthetic biology which systematically take into account the views of citizens involved in public communication activities.“[4]

Kommunikations- und Beteiligungsplattformen bestehen va im Bereich der SynBio und stehen durchaus auch im Zeichen der DIY-Bio. Die SynBio wird allerdings va als innovative, aufstrebende multi- und interdisziplinäre Wissenschaftsdisziplin und Technologie verstanden, die auf die Entwicklung und Schaffung neuartiger biologischer Entitäten und Systeme ausgelegt ist. Damit wird jedoch nur ein Teilbereich der DIY-Bio abgedeckt. Die DIY-Bio ist auch darauf bedacht, natürliche [biologische!] Prozesse zu optimieren, was im besonderen öffentlichen und umweltpolitischen Interesse gelegen ist und daher auch besonders förderungswürdig ist.

Das öffentliche Bewusstsein für die SynBio ist jedoch immer noch gering, die genauen Konturen des Fachgebiets sind selbst den SynBio-Wissenschafterinnen* noch nicht völlig klar. Dasselbe lässt sich für alle inter-, multi- und transdisziplinären BSN konstatieren. In jeder frühen Entwicklungsphase der einzelnen BSN ist es daher unabdinglich, den offenen Dialog zw allen beteiligten Interessengruppen herzustellen und auch die Anliegen der Öffentlichkeit ernst zu nehmen und eine kollaborative Gestaltung des BSN-Rechts in Gang zu setzten und sicherzustellen. Das Recht geht vom Volke aus, daher muss es auch auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse, Erwartungen, Bedenken und Befürchtungen abgestimmt werden. Diese können nur erhoben werden, wenn eine möglichst breite Öffentlichkeit bereits in frühen Phasen des öffentlichen Diskurses einbezogen wird.

Öffentliche Bedenken lassen sich nicht bloß durch die »Scientific Community« bereinigen, da zw dem Gros der Bevölkerung und der elitären, akademischen Wissenschaftselite idR Klüfte bestehen, die Vertrauens- und Informationsblockaden sind. Die »Citizen science« kann hier die Brücke bilden, die im Rahmen der klassischen GT nie bestanden hat. Wenn schon in der »Scientific Community« keine Einigkeit über das Wesen und die Stoßrichtung innovativer BSN-Entwicklung besteht, dann wirkt das auf die breite Öffentlichkeit nicht vertrauensbildend.

Staatliche Steuerung, Schutzpflichten und Staatsversagen

Nicht immer, wenn der Staat keine Möglichkeit der gesetzlichen Steuerung hat oder nachträglich entstandenen Rechtslücken nicht präventiv vorgebeugt hat, ist von Staatsversagen auszugehen. Wenn der Staat auf neue Technologien keine gesetzlichen Antworten parat hat, stellt sich die Frage, ab wann nicht überwundene Kapazitätsgrenzen, koordinative Probleme oder fachliche Wissenslücken in eine Verletzung seiner Schutzpflichten übergehen.

Gerade die hochkomplexen BSN und die kaum greifbare DIY-Bio fordern den Staat an vielen Fronten zugleich heraus. Sofern soziale Interdependenzen nicht mehr auf nationaler oder unionaler Ebene begrenzt sind, sondern eine globale Herausforderung stellen, stößt jeder Nationalstaat an seine inneren und äußeren Grenzen.

Eine funktionale Zergliederung in Teilbereiche ist bei der inter- und multidisziplinären SynBio nicht möglich, ebenso lässt sich kein zentral gesteuerter Verbund an Subsystemen konzipieren. Vielmehr ist ein kooperatives, selbstregulierendes Steuerungsmodell zu suchen, für das der Staat sämtliche Voraussetzungen schaffen muss. Die ihm zukommende Hauptfunktion liegt in der horizontalen und vertikalen Koordination der dezentralen Abläufe. Der Aufgabenbereich des Nationalstaates hat auf Analyse, Koordination, Moderation und letztlich auch auf Präskription ausgelegt zu sein. Er hat dafür Sorge zu tragen, dass ein öffentlicher multidisziplinärer Diskurs den BioTech-Zeitenwandel empirisch aufgreift und den Weg für abstrakte wie generelle, dynamisch wie progressive und proaktive verfasste Regulative bereitet.

Risikokonfliktlösungen

Risikokonfliktlösungen dürfen nicht mit konterwissenschaftlichen Vorurteilen und Kontrafaktizitäten getrübt werden. Unbegründete Vorurteile und Voreingenommenheit ggü alten und neuen BSN müssen über Bord geworfen und ein Neuanfang gewagt werden. Ökonomische Interessen und typische Verteilungskonflikte dürfen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in den Schatten stellen. Potentielle Risiken sind nicht auf Basis eines intuitiven Unbehagens aufgrund einer vorläufigen Unbestimmtheit zu erörtern, sondern komplexe Sachverhalte nach ökologischen, sozialen, ökonomischen und kognitiven Interdependenzen und Faktoren aufzugreifen.

Der Nationalstaat Ö hat als demokratische Rechtsstaat seinen Verpflichtungen als Sozial- und Wohlfahrtsstaat nachzukommen, ist aber zugleich Mitglied im EU-Staatenverbund und sieht sich mit der ökonomischen Globalisierung und Kapitalisierung der Ressourcen konfrontiert. Ökologischen Katastrophen kann er im Alleingang nicht effizient entgegenwirken, auch nicht, wenn sie absehbar sind. Der anthropogen verursachten Umweltzerstörung kann, da die ökologische Tragekapazität des Planeten Erde ausgereizt ist, nur über biowissenschaftliche und biotechnologische Innovation aufgehalten und bestenfalls umgekehrt werden. Die Bevölkerungsdichte nimmt zu und auch das Wirtschaftswachstum wird in einer Epoche des weltweit propagierten und missionierten destruktiven neoliberalen Kapitalismus nicht an Eigendynamik einbüßen.

Investitionen und Förderungen von F&E der BSN sind die einzige Alternative, um das Ruder noch umzukehren.[5]

Der Staat muss Risikoabwägungen auch unter einem neuen Aspekt der Extinktion der menschlichen Rasse selbst treffen. Seit Milliarden Jahren trifft die Evolution selbst ökologische Vorsorge und wirkt selbstregenerierend. Der der Staat muss als organisatorisches Konzept sozialer menschlicher Zusammenschlüsse auch holistische Maßnahmen und Regelungen zu treffen. Der biotechnologische Innovationsdruck nimmt zu, F&E hat an allen Fronten und auf breiter Basis zu erfolgen hat.

Staatsversagen

Staatsversagen besteht dann, wenn diese Möglichkeit und Rettungsmaßnahme ausgelassen wird; aber auch, wenn die damit einhergehenden Risiken und Gefahren nicht gesteuert werden. Staatlichen Steuerungstheorien sind neu zu verfassen.

Immer leistungsfähigere und komplexere BSN bedeuten Chancen, Gestaltungsvielfalt, Missbrauchsrisiken sowie Unfallgefahren zugleich.

Die betriebswirtschaftliche Rentabilität ist bei der DIY-Bio irrelevant, allerdings kann der ökologische Nutzen durchaus auch volkswirtschaftlich zu nutzen sein. Die Entwicklungskosten für neue BSN-Produkte sind im Vergleich zu konventionellen GT vernachlässigbar. Das Ziel der DIY-Bio-Bewegung besteht uaa darin, dass sich insb Menschen in armen Regionen selbst versorgen können, ohne auf teure und zT nicht leistbare Agrarprodukte angewiesen zu sein. Damit wächst aber Eintrittswahrscheinlichkeit für unvorhersehbare individuelle ua ökologische Schäden. Eine kontrollierte Markteinführung findet gerade nicht statt, wenn sich irgendwann einmal jeder Mensch seine SynBio-Komplexe in 3D ausdrucken oder in der DIY-Bio-Küche synthetisieren kann. Der gesteigerten Schadenswahrscheinlichkeit kann der Staat mit rechtlichen Regelungssystemen nur bedingt präventiv entgegenwirken.

Der Gesetzgeber* kann dem gewerblich-unternehmerischen Sektor längere Entwicklungs- und Vorlaufzeiten und Sicherheits- und Kontrollverfahren vorschreiben. Sind einmal viele Millionen DIY-Bio-Bürgerinnen* im eigenen Garten am Werk, werden Gesetze kaum greifen.

Forschungsprozesse und Innovationstempi

Das exponentielle Innovationstempo der BSN ist dann gefährlich, wenn es dem allgemeinen Forschungstempo vorauseilt. Der Staat hat also die DIY-Bio-Forschung zu ermöglichen und fördern, um die DIY-Bio-Entwicklung kontrollieren zu können. Aufgrund der weltweit vernetzten »Open Source und Open Access« Wissenschaft muss sich mit dem Anstieg der Innovationen nicht zwangsweise auch das allgemeine Risiko erhöhen, da die Offenlegung der Gen- oder SynBio-Codes und die exakte Funktionsbeschreibung, Risikobewertung und Freigabe von BioBricks zu einer Harmonisierung der SynBio-Wissenschaft und zu mehr Biosafety und Biosecurity führen.

Die Kenntnis der Auswirkungen des Forschungsprozesses ist weniger wichtig als der des Entwicklungsprozesses. Vielmehr führt die Forschung erst zur Folgenkenntnis, weshalb sie auch als subjektives Grundrecht, das auch im öffentlichen Interesse gelegen ist, anzusehen ist. Ein staatlicher Eingriff in die Forschungsfreiheit einzelner DIY-Biologen* muss also Schranken-Schranken unterliegen. Das öffentliche Interesse kann uU in dessen kontrollierter Gefährdung gelegen sein.

Sobald DIY-Biologen* erstmals ihre Innovationen im DIY-Bio-Garagenlabor testen, ist dies noch der Forschung und nicht der Entwicklung beizumessen. Sondergesetzliche Bestimmungen für geschlossene Pilotanlagen sind für die DIY-Bio aktuell ausreichend, allerdings hat ist Risikomanagement parallel weiterzuentwickeln.

Die Forderung nach einer dynamisch-progressiven und proaktiv verfassten BSN-VO (EG) mit einem integrierten elektronischen BSN-Online-Register berücksichtigt gerade die Parallelentwicklung von Forschung und Risikomanagement. Die Forschung ist ein Instrument der Risikosteuerung, was bedeutet, dass ein Mehr an solchen Instrumenten unter den richtigen Rahmenbedingungen nur von Vorteil sein kann.

Risikosteuerung

Die Gesetzgebung muss von einer redlichen und ethisch vertretbaren Forschung ausgehen, da sich unter der legistischen Prämisse generell inkriminierten Verhaltens der Bürgerinnen* kein Staat machen lässt. Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist eng mit dem allgemeinen Lebensrisiko verknüpft. Sohin machen auch spezielle Gesetze, die auf der Gefährdungshaftung aufbauen nur im unternehmerischen Bereich Sinn. Der Gesetzgeber* hat davon auszugehen, dass DIY-Biologinnen*, sofern ihnen die Risiken gewahr sein können, ihren besonderen Verkehrssicherungs- und Sorgfaltspflichten von der Forschungsidee an bis zur deren praktischen Überprüfung und Entwicklung nachkommen. Das Kennenmüssen der besonderen DIY-Bio-Risiken und SynBio-Gefahren hängt stark von der Transparenz und täglichen Aktualisierung der BSN-Online-Register ab.

Wird in Biohackerspaces geforscht und entwickelt, so kann die wissenschaftliche Aufsicht auch potentieller Folgeschäden erforschen, womit nicht nur die unmittelbaren Risiken – anders als in DIY-Bio-Garagenlaboren – berücksichtigt würden. DIY-Bio-Forschung in geschützten Biohackerspaces und die Risikoforschung wirkten sich auch positiv auf die BSN-Produktentwicklung aus.

Die rechtlichen Zulassungsverfahren aus dem GTR lassen sich aus rechtlicher Sicht nicht auf die DIY-Bio-Bewegung umstülpen, inhaltlich und konzeptionell lassen sich Ansätze erhalten. Sie sind auf die Besonderheiten der BSN und der DIY-Bio zu erweitern und zu optimieren. Wie mehrfach hervorgehoben, sind unbedingt Anreize für die Verlagerung der DIY-Bio-Forschung in staatlich zur Verfügung gestellte Biohackerspaces geschaffen werden müssen.

Prävention und Vorsorge

Der Begriff der Vorsorge erfasst weder die Grundprinzipien der spekulativen Hypothese noch der wissenschaftlichen Empirie. Analogiebildungen und Plausibilitäten stehen der Notwendigkeit einer auf wissenschaftlichen Fakten und Studien basierten Regulierung neuer BSN bereits sinngemäß entgegen. Der biotechnologische und naturwissenschaftliche Wissensstand hat für die Gesetzgebung und Rsp verbindlich vorzugeben, welche Neukombination von Materieteilchen welche Risiken in sich bergen. Können in der konventionellen Biowissenschaft Schlussfolgerungen aus der Pathogenität eines Ausgangsorganismus gezogen werden, so können solche Erfahrungen und Kenntnisse gerade in Bereichen der SynBio ieS und/oder der Xenobiologie erfasst, analysiert und bewertet werden. Eine sog additive Risikoabschätzung ist auf verlässliche BSN-Online-Register (Publikationsserver und BSN-Datenanken) angewiesen, die von einem multi- und interdisziplinären Expertenteam* im staatlichen Auftrag zu führen sind. Die Harmonisierung von Stoffdatenbanken, BioBrick-Datenbanken, Gendatenbanken, wissenschaftlichen Publikationsservern udgl ist dabei die wesentliche Voraussetzung und zentrale Forderung. Die Eingaben und Registrierungen müssten dann als bürgerliches Vorschlagsrecht von der Sonderbehörde binnen angemessener Frist bearbeitet werden. Die additive Risikoabschätzung bedeutet auch die zumindest stufenweise Freigabe neuer Bausteine, Komplexe, Devices Verfahren der SynBio, ggfs unter bestimmten Auflagen. Eine Sicherheits- und Risikoeinstufung in vier Kategorien ist weder zeitgemäß noch zielführend.

Vorsorge und Prävention haben nach differenzierten Kriterien zu erfolgen, die sich nicht mit über vier generelle Risikokategorien repräsentiert lassen. Es bedarf eines modularen Systems, das für jede Gefahrenquelle und jedes Gefahrenmedium konkrete Bausteine parat hält. Forscher* können dann in einer Forschungsmaske ihr biotechnologisches Vorhaben auswählen und im BSN-Online-Register anmelden und erhalten stante pede verbindliche Sicherheitsinstruktionen, die, je nach Konstellation, vom eigenverantwortlichen Arbeiten unter Führung eines Online-Forschungsprotokolls bis hin zur Fremdüberwachung reichen können. Risiko und Vorsorge müssen und können jederzeit einzelfallbezogen beurteilt werden.

Verharrt ein Gesetz im Gestern, wie es beim GTG der Fall ist, dann kann auch die Jud zu keiner dynamischen Auslegung finden. So wird die Schadenseignung der GT immer noch als gewiss bzw tlw gewiss erachtet, der Wirkungsverlauf als weitgehend unbekannt angesehen, das potentielle Schadensausmaß als schwer abschätzbar eingestuft und die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadens an einem Schutzgut iSd GTR als nicht prognostizierbar angesehen.

Dass ein Gesetz und die Risikoeistufung aus dem Jahre 1994 im Biotechnologie-Zeitalter der 2020er Jahre kaum noch wissenschaftliche relevant sein kann, liegt auf der Hand.

DIY-Bio: Juristische Problemexposition

Die Begriffspaare Gewissheit und Sicherheit wie Ungewissheit und Risiko beherrschen staatliche Regulierungsbemühungen gleichermaßen wie die rechtswissenschaftliche Gesetzesinterpretation.

Mit Zunahme der biotechnologischen Komplexität erhöhen sich auch die multidisziplinären Asymmetrien, was die Arbeit von Rechtswissenschaftern* erschwert, insb wenn nicht einmal klar ist, welches subjektive Wissen erforderlich ist, um objektiven Beurteilungsparameter bilden zu können. Das bedeutet, Biorechtswissenschafterinnen* haben sich quer durch die Wissenschaften gut zu vernetzen.

Die Extrapolation des gegenwertigen Wissensstands ist – ungeachtet einer potentiellen Revision – limitiert und kann somit nur zu einer ungewissen normativen Bewertung führen. Thesen, Hypothese und Paradigmen aus allen BSN-Disziplinen sind unter einen Hut zu bringen und in einer Gesamtschau zu beurteilen, um neue Sachverhalte der BSN und DIY-Bio alten Tatbeständen (de lege lata) zuordnen zu können.

Jede biotechnologische Norm muss dem allgemein verfügbaren und vorhandenen Wissensstand entsprechen. Dieser notwendigen Forderung kann letztlich nur über eine dynamisch-progressive und proaktiv verfasste BSN-VO (EG) mit einem integrierten elektronischen BSN-Online-Register entsprochen werden kann.

Forscher* wie DIY-Biologinnen* können sich zumindest subjektive Gewissheit über die objektive Ungewissheit verschaffen, also nicht bloß den vorhandenen Wissensstand abrufen, was für die Berechenbarkeit von DIY-Bio-Experimenten und die Vorhersehbarkeit von nicht-intendierten Effekten wesentlich ist.

Wirkungsdefizit und Rückwirkung von Gesetzen


Themenkomplex 220: Subsumtionsanalogie [S. XXXIII:2].

Wie bereits mehrfach betont, lässt sich die biotechnologische Entwicklung nur bedingt durch legistische Maßnahmen steuern. Das Recht hat va die sonstigen politischen Rahmenbedingungen zu stützen, um eine effiziente Risikominimierung zu garantieren. Der Staat ist somit zw der leistbaren Schutzpflicht und dem vermeidbaren Staatsversagen gefangen.

Die spezifischen Grenzen der BSN limitieren die rechtlichen Möglichkeiten ebenso wie die faktische Kontrollierbarkeit der Forschungsumgebung. Das Zivilrecht ist zur Regulierung der DIY-Bio-Forschung ungeeignet aber auch das Verwaltungsrecht stößt hier an absolute Leistungsgrenzen.

Eine auf »conditiones« aufbauende Normstruktur führt dort ins legistische Nirwana, wo die Bedingungen nicht bekannt sind. Gerade das GTG baut auf einem System aus Konditionen und offen gehaltenen Tatbestandskautelen oder Risiko-Nutzen-Einschätzungen auf. Wenn bzgl der Sicherheitsstufen iSd § 23 Abs 1 GTG der Stand der Wissenschaft und Technik mit den notwendigen Vorkehrungen in Bezug gesetzt wird und darüber hinaus nicht zu erwarte Expektanzen hins nachteiliger Folgen für die Sicherheit (§ 1 Z 1) ins Spiel gebracht werden, ist ein solcher konditionierte Tatbestandslücke gegeben.

Wenn die DIY-Bio-Forschung bislang ungeregelte Sachverhalte aufwirft, darf keine richterliche Subsumtionsanalogie[6] betrieben werden, der Gesetzgeber* hat Gesetze unverzüglich nachzubessern, notfalls auch mit echter Rückwirkung.

Gerade für Forschungsprozesse lassen sich nicht alle hypothetischen Sachverhalte gesetzlich erfassen, auch nicht über unecht rückwirkende Gesetze.

Sofern Normen auf Sachverhalte pro futuro Anwendung finden sollen, die noch nicht abgeschlossen sind, sollte der nachträgliche Eingriff in die Rechtspositionen unter Einhaltung der verfassungsrechtlich zulässigen Eingriffsschranken zulässig sein, insb dann wenn die Haltung des Gesetzgebers* transparent gehalten und auch kundgemacht bzw kolportiert wird.

Von den unecht rückwirkenden Gesetzen sind die proaktiv verfassten zu unterscheiden, weil Rechtsunterworfene* im zweitgenannten Fall jederzeit den aktuellen Status quo der Rechtslage abrufen können.

Bei der DIY-Bio-Forschung ist eine behördl Kontrollaufsicht nur bei freiwilliger Selbstunterwerfung der DIY-Biologen* realisierbar, wofür die notwendigen Anreize[7] geschaffen werden müssen.

DIY-Biologen*: Selbststeuerung

Angesichts der behördl Handlungsohnmacht hins der DIY-Bio sind auch eigenverantwortlichen Selbstregelungskonzepte zu diskutieren. Nebst all den offenkundigen Risiken dürfen aber auch positive Aspekte nicht außer Acht gelassen werden. So führt eine Entbürokratisierung nicht unweigerlich zu einer Risikoerhöhung, da DIY-Biologen* bei der »kleinen SynBio« iaR näher am Problem sein werden als die einfache Beh, die in bestimmten Fällen auch nicht in der Lage wäre, konkrete adäquate Präventionsmaßnahmen festzusetzen.

Jeder EU-MS müsste äquivalente föderale BSN-Sonderbehörden nach dem Vorbild der EU-BSN-Beh einrichten, um auch über nationale Kompetenzzentren zu verfügen.

Die Online-Registrierung im BSN-Online-Register weist – unter den angeführten Anreizmodellen – nicht nur den DIY-Biologinnen* den richtigen Sicherheitsweg und schütz sie selbst wie auch deren soziales Umfeld und die Umwelt, sondern gibt auch der Beh etwaige Kontrollparameter wie auch die im Notfall zu verfügenden Auflagen vor.

Das im BSN-Online-Register zu führende Forschungsprotokoll kann bei Unregelmäßigkeiten oder Fehlwerten den DIY-Biologen* rechtzeitig warnen und anleiten und bei Gefahr in Verzug auch die Beh alarmieren.

Wesentlich für die Selbstregulierung von DIY-Biologen* ist die weitgehende Haftungsfreistellung bei Einhaltung aller ges und behördl Vorgaben.

Forschungsfreiheit für die DIY-Bio?

Die DIY-Bio mit BSN nutzt neue Werkzeuge der Forschung und des Lebens. Während es die unantastbare Würde des Menschen gebietet, die freie Entfaltung der Menschen nicht einzuschränken, steht dem der Schutz des Lebens entgegen. Es prallen Grundrechte aufeinander, die jedoch nicht gleichwertig sind. Werden keine der von Art 2, 3 und 8 EMRK, Art 12 UNO-Sozialpakt oder Art 3, 35 und 37 Grundrechte-Charta erfassten Schutzgüter bedroht, darf die Forschungsfreiheit staatlich nicht zäsiert werden.[8]

Wenn sich DIY-Biologen* etwa der medizinischen Forschung widmen, arbeiten sie im Labor und gefährden va sich selbst und ihr nahes soziales Umfeld, Freisetzungen von SVO sind kaum zu befürchten. Hält eine DIY-Biologin* alle Präventions- und Risikominimierungsmaßnahmen ein, wäre selbst die Freisetzung von SVO zu Versuchszwecken unter den ges Bestimmungen und Auflagen wären nicht generell unzulässig. Die Gefährdung von Mensch und Umwelt stellt keinen absoluten Hinderungsgrund dar.

Nach Empfehlung der EK sollten für neue BSN grds die Regeln des GTR gelten. Biologische Sicherheit diene der Wahrung des Vorsorgeprinzips, schränke jedoch die Forschungsfreiheit in zurechtfertigender und vertretbarer Weise ein.[9],[10]

Die eingeschränkte Verfügbarkeit von chemischen Stoffen und biologischem Material zur Erforschung der Auswirkungen von GVO/SVO dienen nicht zwangsläufig der Biosafety und Biosecurity, da heutzutage alles über das Darknet zu besorgen ist, bzw auch unzählige Anleitungen zur Synthetisierung von Stoffen oder Züchtung und Ernte biologischer Organismen in der freien Natur bestehen.

Selbst die ges Zugangsbeschränkung zu GVO/GVP ist ein Eingriff in die Forschungsfreiheit, der mitunter auch als unangemessen erachtet werden kann. Ungeachtet der Tatsache, dass alle DIY-Bio-Waren im Darknet anonym (TOR-Browser) relativ leicht zu besorgen sind, können DIY-Biologen* selbst dann die GVO-Forschung vorantreiben, indem sie GV-Saatgut legal im Ausland erwerben und illegal in den EU-Raum einführen, was de facto nicht zu unterbinden ist.

Nicht zuletzt wird mit jedem Eingriff die Biosicherheitsforschung behindert.

DIY-Biologinnen* darf aus den bisher genannten Gründen die Grundlagenforschung nicht oder nur in Ausnahmesituationen verwehrt werden. Wenn auch die Reproduzierbarkeit von Forschungsresultaten ein wesentlicher Bestandteil der Validierung wissenschaftlicher Experimente ist, so sind reine DIY-Bio-Labortätigkeiten im Rahmen der »kleinen SynBio« gut in den Griff zu bekommen und die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen auf einem durchaus niedrigen und erfüllbaren Niveau.

Schwarzbrennereien bergen zT ein höheres Risiko und der boomende Cannabisanbau mit etwa 50.000 privaten Cannabis-Kleinplantagen erfordert spezielle Growing-Anlagen. Das Aufrechterhalten der für jede Wachstumsphase der Pflanzen erforderlichen Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit, die sterile Umgebung zur Abwehr von Pilzbefall, das Timing der speziellen Beleuchtung, der Einsatz von Abluftfiltern oder das permanente Messen der pH-Werte des Wassers bzw die exakte Kombination der verschiedenen Dünge- und Hygienemittel ist weitgehend mit den Anforderungen an einen DIY-Biologen*, der nicht selten auch ein sein Cannabisprodukt optimierender Grower* sein wird, zu vergleichen. Daran lässt sich ableiten, dass DIY-Biologinnen* wie Growerinnen* den Sicherheitsstandards bereits aus Eigeninteresse nachkommen.

Die DIY-Bio wird durchaus auch zum Wohle der Gesellschaft beitragen, womit eine Distribution der negativen Folgen auf die Allgemeinheit, insb wenn es sich bei den Forschungsergebnissen um freies Gemeingut[11] handelt, also niemand Vorteile aus Patentrechten zieht, gerecht erscheint.

Ungeachtet der verschiedenen Ansichten darüber, inwieweit bei überschießender Forschungsliberalität (Forschungsprinzip) das Vorsorgeprinzip[12] hintangestellt werden kann, ist zu hinterfragen, wie Gerechtigkeit hergestellt werden kann.

Das Aufwiegen von Nutzen und Schaden, Gefahr und Beherrschbarkeit erfolgt iaR in einem ökonomielastigen beweglichen System. Ökonomischen Haftungstheorien sind materialistisch und fokussieren immer auf den Schadensersatz. Die »self-fulfilling prophecy« wirkt somit in jeden Präventionsgedanken hinein.

Es muss gelingen, das holistische Konzept dahingehend zu erweitern, dass keine rein materielle Bewertung mehr vorgenommen wird. Wenn sich der Mensch als Teil der Natur einen existenziellen moralischen Wert beimisst, dann muss er dies auch für die die Natur tun.

Forschungspolitik

Um ein forschungspolitisches Konzept für die BSN- und DIY-Bio-Sicherheitsforschung zu entwickeln sind offene Konflikte, Uneinigkeiten und Kontroversen über den GT-Bereich zu begraben. Stattdessen sind neue, vorbehaltlose transparente, inter-, multi- und transdisziplinäre Diskurse über die Risikobewertung neuer BSN-Verfahren und BSN-Produkte sowie DIY-Bio-Verfahren und DIY-Bio-Produkte in Gang zu setzen. Vergangene Unklarheiten zum GVO-Begriff sind als Schwachstellen nur insofern mitzunehmen, als GVO zukünftig überhaupt noch Bedeutung haben.

Während bei BSN die jew Akteure* und potenziellen Haftungssubjekte * divergieren können, bedarf es unter den DIY-Biologen* keiner solchen (abgestuften) Differenzierung.

Um die Erfolgschancen nicht von Haus aus zu begraben, müssen Etappenziele vereinbart werden. Ein vernünftiges Endergebnis ist nur über sukzessive zu vereinbarende Teilkompromisse zu erzielen, ansonsten verlieren sich die Beteiligten in den ewigen Breiten und Tiefen sehr komplexer Materien, die vieler inter-, multi- und transdisziplinären Konsense bedürfen. Die Etappenziele müssen obendrein realistisch-konkret und nicht hoffnungsvoll-abstrakt formuliert werden.

Der Diskurs muss von Anbeginn die sozialpolitischen Erfordernisse den legistisch umsetzbaren Handlungsmöglichkeiten entgegenstellen. Ökonomisch-anthropozentrische Nutzen-Leistungsfaktoren stehen seit jeher im Widerspruch zu ökologisch-bioethischen Überlegungen. Diese bislang hochkontrovers geführten Debatten haben sich idR negativ auf die Gesetzgebung ausgewirkt. Nur wenn erkannt wird, dass innovative der Ökologie und Biodiversität dienliche BSN auch ökonomisch in F&E nutzbar sind, kann auch ein Konsens unter den Protagonistinnen* und Akzeptanz unter den Stakeholdern* gefunden werden.

Die inter-, multi- und transdisziplinäre Sicherheitsforschung hat auf alle denkbaren BSN-Verfahren und BSN-Produkte im Rahmen der F&E aber auch auf die private, gewerbliche und industrielle Produktion zu fokussieren.

Die Risikobewertung der Ergebnisse der Sicherheitsforschung hat iwF auch alle Wissenschaftsbereiche abzudecken, damit der Fehler der Reduktion auf die Biologie und BSN und der Beschränkung auf einzelne Begriffe, wie GVO, nicht erneut begangen wird. Es müssen also alle in Betracht kommenden Forschungsbereiche eingebunden und mit staatlichen Ressourcen gefördert und unterstützt werden. Die weiten Anwendungsbereiche der miteinander verwobenen Wissenschafts- und Technologiefelder »BioTech–SynBio– NanoTech« lassen sich mit der Farbskala der klassischen GT nicht mehr beschreiben.

Der Entwurf, die Implementation und Koordination des die Disziplinen übergreifenden Forschungsprogramms sollte bereits durch das BSN-ExpG erfolgen, das zugleich die kommunikative und institutionelle Schnittstelle zu den ins Forschungsprogramm einbezogenen GO und NGO zu sein hat.

Die zuvor angeführten Etappenziele sind über verbindliche und zeitlich befristete Forschungsprogrammperioden zu erreichen. Die terminliche Einhaltung ist nur über konkrete Forschungsaufträge zu erzielen. Da den Forschungsbeauftragten die Wahl der disziplinären Forschungsansätze frei bleiben muss, ist über den Zeitrahmen Konsens zu erzielen. Bei Bedarf müssen die Forschungsaufträge ziseliert werden und der Forschungskreis dementsprechend erweitert werden. Sofern es sich um ein EU-weites Projekt handelt, sollte die Verfügbarkeit akademischer Humanressourcen (Universitäten und Akademien) kein Problem bereiten.

Um auch zu Lösungen gelangen, sollten die einzelnen Forschungsteams nach dem Prinzip »one man one vote« über die zusammengetragenen Forschungsresultate und Konklusionen einer jeden Forschungszieletappe abstimmen, wobei voraussichtlich einfache Mehrheiten ausreichen sollten, um Blockaden durch etwaige Extrempositionen zu verhindern. Aufgrund der Step-by-step-Vorgangsweise sind Sicherheitsbedenken auszuschließen, sodass sich am Ende des gesamten Forschungszyklus ein rationales und vertrauenswürdiges Gesamtbild zu Öko- und Biosicherheit von BSN-Verfahren und BSN-Produkten ergeben sollte. Die Etappenergebnisse der einzelnen Forschungsagenden wären in das BSN-Online-Register einzutragen, die entsprechenden Datensätze einzuspielen und externe Datenbanken und Publikationsserver zu verknüpfen.

Bekannte BSN-Verfahren oder GV-Verfahren und/oder deren Produkte, die bereits als risikolos eingestuft worden sind, sollten nach einer neuerlichen Bewertung für die Allgemeinheit freigegeben werden.

Neue Termini und Definitionen sind zu finden und zu harmonisieren und weitgehend auch legal zu definieren. Die größte neue Herausforderung wird dabei sein, Fachbegriffe proaktiv zu verfassen, so dass sich neue Sicherheitsbewertung problemlos durchführen und benennen lassen und zugleich zukünftigen Subsumtionsproblemen vorgebeugt wird.

Neue BSN-Produkte können immer seltener mit biologischen Komparatoren verglichen werden, weshalb hier in das Rechtssystem ein neu konzipiertes Stufensystem eizubauen sein wird, das dem BSN-Online-Register verknüpft wird. Damit wären die Sicherheitsfreigaben und Sicherheitsauflagen öffentlich-rechtlich abgesichert und dennoch dynamisch und flexibel.

Fundamentalen, kaum auflösbaren Widersprüchen und Streitpunkten des GTR kann ein Ende gesetzt werden. Da bei neuen BSN davon auszugehen ist, dass sie großteils einer Einzelfallbewertung unterfallen, kann man die Einzelfallprüfung zur Norm machen. Besteht eine systematische oder substanzielle Äquivalenz zu bestehenden Einträgen, werden die BSN-ExpG ihre Einschätzung auch binnen kürzester Zeit abgeben und der BSN-Beh zur Freigabe im BSN-Online-Register übermitteln.

Parallel zu den laufenden Untersuchungen ist die Methoden- und Analyseforschung zu den BSN weiter zu führen und bei Reife in das Risikomanagement einzubinden. Veraltete Verfahren sind bei Überholtheit auszumustern. Auch diese Aufgaben der BSN-ExpG bedürfen entsprechender Forschungsfonds.

Freisetzungsversuche von BSN-Produkten sind weiterhin gesondert zu bewerten, wobei auch hier im EU-Raum die territoriale und klimatische Differenzierung, je nach Freisetzungsgefahr, zu bedenken ist.

Die EU muss ihre restriktive und vorsichtige Haltung ggü neuen BSN-Methoden und BSN-Produkten nicht generell aufgeben, jedoch sachgerecht entsprechend den Forschungsergebnissen neu zu bewerten. Andernfalls wird auch die F&E in liberalere Staaten abwandern und der EU-Raum den Übergang in das BioTech-Zeitalter nicht schaffen. Die Rasanz, mit der die BSN weiterentwickelt werden, führt rasch zu einem Wissenschaftsvorsprung anderer Nationen, der nicht mehr einzuholen ist. Das Phänomen der Abwanderung von Forschungseliten ist aus den 1930er Jahren, den Nachkriegsjahren bekannt und auch der europäische Rückstand in der Hard- und Softwareentwicklung ist warnende Legion.

Kann man auf internationalem Parkett Einigkeit im Umgang mit BSN erzielen, so sind auch völkerrechtliche Verträge zu schließen, die auch globale Kooperationen ermöglichen. Dem Einzug von BSN-Produkten über die Hintertür würde damit so gut als mgl Einhalt geboten. Internationale Kooperationen können auch zu koordinierten Freisetzungsversuchen in Regionen führen, in denen ökologische und biodiversitäre Risiken und aufwendige Umweltprüfungsverfahren auszuschließen sind. So sind Forschungsstationen in arktischen Regionen oder Wüstengebieten oa auf Forschungsinseln einzurichten.

Prognosen für völlig neuartig synthetisierte Entitäten, die in die Umwelt gelangen können bzw sollen, haben sich an rein ökologischen Gesichtspunkten zu orientieren. Der ökonomische Nutzen darf hier keinen Einfluss nehmen. Diese Haltung ist mit den BSN selbst zu rechtfertigen. Forscher* und Entwicklerinnen* müssen bereits bei der Selektion des anvisierten Anwendungsbereichs die ökologische und biodiversitäre Verträglichkeit antizipieren. Der Wettbewerb würde somit nur auf saubere BioTech umgelenkt. Die immensen Einsparungen ans F&E-Kosten durch weniger Bürokratie, Harmonisierungen, Kooperationen aber auch die immense Kostenreduktion der BSN-Verfahren und BSN-Waren selbst schaffen viel kreativen Raum und Flexibilität.

Die internationale Vernetzung sollte allen Völkern und Nationen zugutekommen. Die privatwirtschaftlichen Industrien werden sich auch durch Patente und Sortenschutz nicht gg neue, nicht gewerblich tätige private Selbstversorger, die neue BSN-Methoden im Rahmen der DIY-Bio nutzen, wehren können. Ob sich hier Zusammenschlüsse aus Bio und SynBio entwickeln, bleibt abzuwarten. Sofern, die SynBio einen Weg zurück zur Natur einschlägt, ist dies jedenfalls nicht ausgeschlossen.

DIY-Bio: Forschungsethik

“Biohacking is about breaking the rules, not breaking the law!”[13]


Themenkomplex 221: Ethik [S. XXXIII:2].

Das Vertrauen in die Durchführung wissenschaftlicher Forschung nach allgemeingültigen ethischen Prinzipien darf nicht nach an der akademischen Qualifikation festgemacht werden. Gerade DIY-Biologen* haben Werte wie Ruhm, Anerkennung, Karriere und Macht, Geld nicht oder nur vereinzelt vor Augen und betreiben DIY-Bio-Forschung auch aus einer altruistischen Motivation heraus. Dies ist von grundlegender Bedeutung für eine fruchtbare Interaktion innerhalb der »common science community« selbst für die Kommunikation mit der Gesellschaft.

Gegenwärtig müssen aller Forscher* – vielleicht mehr denn je – dazu in der Lage sein, autonome Entscheidungen auf der Basis eines soliden rechtlichen, ethischen und wissenschaftlichen Verständnisses zu treffen. Sie haben alle möglichen Auswirkungen ihrer Forschungstätigkeit auf die Wissenschaft, Gesellschaft und Umwelt mit zu bedenken.

Gesellschaften müssen Paranoia und Argwohn beiseitelegen und Bildungs- und Forschungsressourcen (Infrastruktur, Zeit, Personal, Wissensbanken usw) schaffen und allokalisieren, um sicherzustellen, dass alle Forschungsarbeiten von Personen durchgeführt werden, die über die erforderliche ethische Alphabetisierung verfügen.

Die naturwissenschaftliche Ethikausbildung sollte bereits in der Schule beginnen und sowohl interne als auch externe Forschungsaspekte umfassen. Gesetze, Kanones guter Forschungspraxis aber auch ethische Gesichtspunkte der Beziehungen zw Wissenschaft und Gesellschaft sind die Gebote des BioTech-Zeitalters.

Um sicherzustellen, dass DIY-Bio-Praktikerinnen* sich an den Leitlinien der Wissenschaft und Forschung orientieren und diese als sinnvolle, solide Verhaltensanleitung akzeptieren, muss die Kluft zw der elitären akademischen Wissenschaft und der »citizen science« geschlossen werden. Sollen DIY-Biologen* den Grundsätzen und Verpflichtungen der jew Fachbereiche an Universitäten folgen, müssen alle Forschungsinstitute die Ausbildung in Ethik in allen Bereichen der wissenschaftlichen Forschung auch Laien anbieten.

Die Empfehlungen in dieser Erklärung richten sich daher an alle »Kolleginnen und Kollegen« an den Universitäten, Akademien und an anderen Forschungseinrichtungen, die Bildungsverantwortung tragen.

Letztlich ist auch der Gesetzgeber* aufgerufen hierfür die öffentlichen Mittel sicherzustellen.


Glossar


Biotechnologisches Glossar

 


Linkliste

Das Abrufdatum entspricht dem letzten Kontrollabruf am 01.02.2020.

  1. Vgl „Responsible Research and Innovation“ (RRI); RRI Plattform Österreich, Joanneum Research, Haus der Forschung, Wien.
  2. Vgl SYNERGENE,
  3. https://www.rri-plattform.at/index.php/rri-plattform-2/
  4. https://www.synenergene.eu/information/objectives.html
  5. Es macht keinen Sinn, den Fallschirm 500m über dem Boden nicht mehr öffnen zu wollen, weil man eine Öffnungsstörung befürchtet.
  6. Kap VII. C. 4. »Subsumtionsanalogie und falsche Syllogismen«, S. 294 ff.
  7. S [cc 110] 141.
  8. Kap III. I. 3. »Forschungsfreiheit (Art 17 StGG, Art 13 GRC)«, S. 117 ff
  9. Vgl EU Komimission zu Biosafety: „Biological hazards include bacteria, viruses, parasites, prions, biotoxins. Some of these hazards have posed serious risks to public health, such as Salmonella, Listeria monocytogenes, biotoxins in live molluscs or BSE. Exposure of consumers to those through food should thus be prevented.“.
  10. https://ec.europa.eu/food/safety/biosafety_en
  11. Auch Allmende oder commons bzw auch bio-commons. Kap XXVIII. F. »Tragik der Anti-Allmende-Problematik«, S. XXVIII:13.
  12. Themenkomplex Vorsorgeprinzip [S. XXXIII:77].
  13. Wahlspruch der Biohackerszene.