Die Untersuchungsarbeit ist eine rechtswissenschaftliche, weshalb naturwissenschaftliche Themen andernorts behandelt werden. Gesetze und Normen bilden Vorgaben für menschliches Verhalten, weshalb Defizite im Verständnis der Verhaltenswissenschaften nicht nur iZm der normativen Steuerung der DIY-Bio-Szene relevant ist. Da auch minderjährige (unmündige) DIY-Biologinnen* haften könnten, sind Aspekte der modernen Verhaltenspsychologie und Neurowissenschaft/Neurobiologie zu berücksichtigen.

Verhaltenspsychologie und Neurowissenschaft

Weder die Gesetzgebung noch die Rechtswissenschaften,[1] orientieren sich an Erkenntnissen des weiten wissenschaftlichen Felds der Neurowissenschaft/Neurobiologie. Zu oft stehen noch psychologische Theorien im Zentrum, die bereits falsifiziert worden sind. Sie bilden aber immer noch die Grundlage für LuRsp.

Dieses Manko soll dadurch ein wenig ausgeglichen werden, dass neue Aspekte und Blickwinkel der Neuro- und Verhaltenswissenschaften in die Untersuchung einbezogen werden. Oftmals erscheinen dem Menschen die ureigenen inneren Vorgänge befremdlich; erst recht jene seines sozialen Umfelds. Die Perzeption des eigenen Ichs und die Wahrnehmung der Umwelt divergieren oftmals, somit kann auch die Rezeption des Rechts keine allgemein homogene sein.

Recht als Gesamtheit aller generellen Verhaltensregeln und Normen ist eine Sollensanordnung für Normunterworfene*. Gesetze sollen das Erreichen bzw Erhalten des sozial optimalen Seienszustand prädisponieren. Weder Gesetz noch Lehre noch Rsp berücksichtigen Aspekte der Wahrnehmung von Normen im Abgleich mit der gelebten Realität in ausreichendem Maße. Noch weniger wird berücksichtigt, dass die individuelle subjektive Wahrnehmung von Wirklichkeit per se bereits eingeschränkt ist. Eine allgemein-generelle soziale Konformität ist daher nur in wenigen Lebensaspekten zu erzielen. Verhaltensvorgaben für juristische Personen vertragen ein Mehr an normativer Einschränkung, als dies bei natürlichen Personen der Fall ist. Nicht umsonst wurde früher mit zehn Geboten das Auslangen gefunden!

Die Provokation neuer Gedanken und Sichtweisen ist weder Selbstzweck noch ein Leitfaden, sondern setzt neue Denkprozesse in Gang. Was prima vista verwirrend erscheint, erfordert bloß einen zweiten Blick; Zwei- oder Mehrdeutigkeiten sind idS zu verstehen.

Erkenntnistheorie

Biologinnen* sind an naturwissenschaftliche Fakten gebunden. Die Biologie selbst ist auch eine Wissenschaft der Ausnahmen, was die Bewertung neuer Sachverhalte der DIY-Bio erschwert. Die Vermutung, dass diese Ausnahmen exakten Regeln folgen bzw in sich minuziös strukturiert sind, führt auch die DIY-Bio in immer tieferliegende und noch nicht decodierte Bereiche des Lebens.

Doe Art der Fragestellung bildt die Prämisse für Erkenntnisse aber auch für den Prozess des Wissenserwerbs. Beide führen zu subjektiven Überzeugungen, die es wissenschaftlich zu rechtfertigen gilt, die aber nicht immer iSe absoluten Wahrheit beweisbar sind. Eine Realität ist zugleich der materiellen wie immateriellen Existenz immanent und dem Verstand nicht zugänglich. Womit sich der Mensch beschäftigt ist die Wahrnehmung einer vermeintlich objektiven Realität über den Weg der subjektiven Interpretation. Hier ist im Detail auf die geschichtliche Entwicklung der Erkenntnistheorie bis zu Platon zurück zu verweisen.

Die Verknüpfung der subjektiven Komponenten hins der individuellen Wahrnehmung der Biologie, der BSN, der DIY-Bio sowie der Rechtswissenschaften bilden letztlich nur ein erkenntnistheoretisches Erklärungsmodell.

Gruppenpsychologie: Dynamic Social-Impact-Theory

Bei der »Social-Impact-Theory« geht um die Bedingungen und Voraussetzungen, die zu schaffen sind, damit ein Mensch/Bürger* dem normativen Einfluss einer sozialen Entität am ehesten Folge leistet. Der Einfluss (en: impact), den die soziale Gruppe auf das Individuum ausüben kann, wird nach der »Social-Impact-Theory« durch drei wesentliche Faktoren bestimmt

  • Strength Stärke der Gruppe
  • Immediacy Unmittelbarkeit, iSd örtlichen und räumlichen Nähe
  • Number Gruppengröße bestimmt durch die Anzahl der Mitglieder*

die die Funktion: i = ergeben.

1996 ist die Theorie um eine dynamische Komponente zur »Dynamic-Social-Impact-Theory« erweitert worden,[2] die berücksichtig, dass jede Erweiterung der Gruppe durch neue Mitglieder im Ausmaß des Einflusses auf das Individuum abnimmt.[3] Der für die Untersuchung relevanteste Ansatz der methodischen Weiterentwicklung ist das Faktum, dass jede Gruppe als komplexes System handelt, sei es eine Volksgruppe, ein Staatsvolk oder die Gruppe der DIY-Bio-Szene. Um Gruppen mit Normen leiten zu können muss auch deren Interaktionsfähigkeit berücksichtigt werden, was gerade beim Entwurf neuer Normen insb bei verschärften Gefährdungshaftungsgesetzen zu berücksichtigen ist. Die Interaktionen können vielschichtig sein, weshalb nur eine dementsprechend normative Schattierung zielführend sein kann.

Zielführend scheint ein BSN-Recht nur dann, wenn es die Rechtstreue ermöglicht und fördert und nicht, wenn es den Rechtsbruch bzw rechtswidriges Verhalten sanktioniert.

Die Nutzung des Interaktionspotenzials durch die bildungspolitische und infrastrukturelle staatliche Unterstützung und die damit einhergehende Manifestierung einer gelebten Bio- und Forschungsethik, ist durch Gesetze allein nicht zu erreichen.

Die Rechtswissenschaft bewegt sich hier zT in eine völlig falsche Richtung, die aus verhaltenspsychologischer und neurowissenschaftlicher Perspektive abzulehnen ist, was noch mehrfach zur Sprache kommt.

So weiß man in Europa, trotz gelegentlicher Unkenrufe, um den generalpräventive Wirkungslosigkeit der Todesstrafe Bescheid, ist aber noch nicht in der Lage diese Erkenntnis auch auf trivialere Ebenen umzulegen. Ebenso versteift man sich zu sehr auf Umwelthaftungs- und Umweltschadensrecht, obgleich man wissen sollte, dass sie nicht nur keinerlei Präventionsdynamik enthalten, sondern mit der Möglichkeit des finanziellen Ausgleichs für Umweltschäden das Outsourcing der Verantwortung von Betreiberinnen* und Unternehmern* auf Versicherungsträger* fördert.

Die rechtspolitische Untersuchung wird daher aus dem Schatten des rechtsdogmatischen Status quo heraustreten und die sich seit dem Jahre 1812 in der österr Rechtsordnung kontinuierlich ausbreitende Rechtsprechungspatina Schicht für Schicht abtragen, um aufzeigen zu können, wie den neuen Risiken und Gefahren durch neue BSN mit legistischen Mitteln de lege ferenda iSd Vorsorge für nachfolgende Generationen, iSd Biodiversität und iSd ökologischen Nachhaltigkeit zu begegnen ist, ohne den Fortschritt aufhalten oder und an sozialem Wohlstandstaates einbüßen zu müssen.

Ferner muss die Rsp zur bestehenden Gesetzeslage auf dieselbe Weise und mit demselben Grundgendanken untersucht und korrigiert werden, was größtenteils eine Reduktion auf einen für das Gros der Rechtsunterworfenen verständlichen und nachvollziehbaren Gesetzestext bedeuten muss.

ISd »Dynamic-Social-Impact-Theory«[4] gilt es auch Belange der gerechten Verteilung der innovativen Güter, des nachhaltigen ökologischen Einsatzes und des sozial verantwortlichen Umgangs mit neuen BSN zu berücksichtigen, die im Rahmen dieser Arbeit auf die DIY-Bio insb mit CRISPR/Cas9 eingegrenzt sind, sinngemäß jedoch auf sämtliche biotechnologische Innovationen umzusetzen sind.

Eine progressive und proaktiv verfasste BioTechVO[5] de lege ferenda mit einem integrierten, dynamischen, digitalen BSN-Online-Register, das weit ausgereifter und umfassender als das Gentechnikbuch nach § 99 GTG, das Gentechnikregister[6] gem § 101c GTG oder Art 20 iVm Teil C und Anhang III der SystemRL, biologische bzw chemischer Stoffregister udgl zu sein, ist als die zentrale Forderung der Untersuchung voranzustellen.

Rechtswissenschaft als Geisteswissenschaft

Da Rechtswissenschaft primär die Interpretation des geltenden Rechtes in den inhaltlichen Vordergrund stellt und die Hermeneutik dabei das Fundament bildet, kann sie auch zu den Geisteswissenschaften iwS gezählt werden, insb wenn sozial- und politikwissenschaftliche, rechtsphilosophische Aspekte bzw andere Wissenschaften zu berücksichtigen sind. Diese Arbeit bezieht va die Natur- und Ingenieurswissenschaften mit ein und fordert eine rechtsdogmatische Befassung mit unterschiedlichen Materiengesetzen wie Rechtsarten, insb dem Zivilrecht und dem öffentlichen Recht, erfordert aber auch die Einbeziehung von Fachbereichen über die juristischen Grundlagefächer[7] hinausgehend. Die den neuen Herausforderungen der DIY-Bio mit BSN entsprechend sachgerechte Deutung juristischer Texte (de lege lata) schließt eine geisteswissenschaftliche Befassung mit der Genesis und der Anwendung, aber auch mit der erforderlichen Neuschaffung (de lege ferenda) von Rechtsquellen und Normen ein. Hierin kommt der Rechtswissenschaft eine verbindende Funktion zu anderen Disziplinen zu, die gerade für den multi- und intra- und interdisziplinären Diskurs um die BSN so wichtig ist. Alle Seiten sind anzuhören, eine Wissensdiktatur von oben gefährdet die Menschheit.

Audiatur et altera pars!

  1. Insb nicht das Strafrecht
  2. Vgl Latané B., The Psychology of Social Impact, in: American Psychologist, Bd 36, Nr 4, 1981, 343-356; doi:10.1037/0003-066X.36.4 und ders, Dynamic social impact. The creation of culture by communication, in: Journal of Communication, Bd 46, Nr 4, 1996, 13-25., doi:10.1111/j.1460-2466.1996.tb01501.x
    „Die Öffentlichkeit kann viel von der Wissenschaft erwarten und sie soll auch viel verlangen […] Aber die Öffentlichkeit muss auch einen Beitrag leisten, und zwar sich bilden. […] Seit 70.000 Jahren kann der Mensch Dinge denken, die es nicht gibt. […] Er kann lügen und Behauptungen aufstellen, die man wissenschaftlich nicht verifizieren kann.“.
  3. Asch, S. E. A., Opinions and social pressure, in: Scientific American, Bd 193, Ausgabe 5, 1955, 31-35. DOI: 10.1038/scientificamerican1155-31.
  4. Vgl Latané B., The Psychology of Social Impact, in: American Psychologist, Bd 36, Nr 4, 1981, 343-356; doi:10.1037/0003-066X.36.4 und ders, Dynamic social impact. The creation of culture by communication, in: Journal of Communication. Bd 46, Nr 4, 1996, 13-25., doi:10.1111/j.1460-2466.1996.tb01501.x; Kap I. D. 1. c) »Gruppenpsychologie: Dynamic Social-Impact-Theor«, S. LXXXIV.
  5. Europäische Biotechnologie-Verordnung.
  6. Beschluss 2004/204/EG, ABl L 2004/65/20-22. Richtlinien zur Handhabung von Gentechnikregistern.
  7. Rechtsphilosophie, -theorie, -soziologie, -geschichte.